Letztes Wochenende war ich mit meiner Sportsfreundin aus dem Ruderclub zum Dinner bei meiner Mode-Designerin und ihrem gestählten Security-Chief in der Fontenay-Allee geladen.

Seit 1993 als ich bei Springer & Jacoby angefangen habe, kennen und lieben wir uns – die Mode-Schöpferin und ich. Gern treffen wir uns auch mal im Ausland, baden, feiern, kochen, sporteln gemeinsam. Manchmal arbeiten wir auch zusammen. Freundschaft auf verschiedenen Ebenen kann sich schnell multi-substanziell entfalten. Gut geduftet, schick gestylt nutzen meine Begleitung und ich den Hamburger Abendniesel für einen wohl beschirmten Appetizer-Walk.

Schön, dabei zu sehen, dass benachbarte Restaurants und Bars an Mühlenkamp und Poelchaukamp wieder geöffnet sind und die einladende Aura fröhlichen Lebens verströmen. Wir passieren die Krugkoppelbrücke. Doch wir biegen nicht rechts Richtung Bettina ab.

Wild thing – Germany’s First Top-Model auf lebalcony.

Auch gehen wir nicht geradeaus weiter Richtung Generalin Bergfrühling:

Die Frau, der helle Jahnsinn!

Sondern drehen vor dem Red Dog links ab. Nach ein paar romantischen Fußminuten direkt am Alsterufer stoßen wir auf die Alte Rabenstraße 1. Wie immer, wenn ich hier joggend oder sonst wie vorbei komme, lacht mir dort meine allererster internationale Network-Büroadresse von 1991 entgegen. Ein Mix aus sentimentaler Faszination und gruseligem Schauer übermannt mich noch heute, wenn ich daran denke, wie ich an jene Adresse geriet: Deutschlands größter Hersteller für Wasch-, Putz- und Reinigungsmittel wollte es so.

Wegen meiner Examensarbeit in der ich ein neues Waschmittel samt noch neuerer Gesamt-Kommunikation erfand. Von der Verpackung, Verkaufsförderung bis TV-Spots samt Händler-Unterhose war da alles dabei. Für den Dekan der FH Düsseldorf, Professor Horst Seiffert, Grund genug im Reich von Sauberkeit und Glanz und Reinheit, sprich, der Henkel AG & Co. KGaA, eine Vorstands-Präsentation meiner Arbeit zu arrangieren.

Dank des innovationsfreudigen Grundtenors meines Examens als Dipl. Kommunikations-Designer, klingt mir noch heute Henkel-Vorstand Jürgen Seidler im Ohr als er Vorstand-Kollegen Klaus Morwind nach der Präsentation die Grundsatz-Frage stellte: „Warum kriegen wir sowas nie von unseren Agenturen?

Weil wir das schon immer so gemacht haben!“ erfahre ich wenige Wochen später vom rustikalen Chairman von TEAM/BBDO Hamburg, Alte Rabenstraße 1 – als er mich von Henkel in meinen allerersten Job-Transfer aufs halsstarrige Auge gedrückt bekam. Zugegeben, das ist schon ein paar Jährchen her. Freiwillig eingestellt hätte mich El Rustico jedenfalls nie. Garantiert. Dafür waren unsere naturgegebenen DNA einfach zu konträr.

Doch gegen die direktive Riesen-Waschkraft eines der imposantesten deutschen Werbe-Groß-Kunden mit fast einer Milliarde weltweiter Advertising-Spendings p. a. war selbst er machtlos. Dafür hat das auch nicht gerade lange gehalten mit uns. Und heute ist TEAM/BBDO längst in die Geschichte gepanzerter Urzeit-Echsen eingegangen.

So porentief rein, spuren- und fleckenfrei löste sich die Agentur in ihre molekularen Bestandteile auf und entfleuchte in den ewigen Jagdgründen von Riesen-Waschkraft und Aprilfrische. Zur Zeit residiert in der Alten Rabenstraße 1 eine private Hochschule mit hoffentlich frischerem Zeitgeist. Und – bis Redaktionsschluss konnte nicht geklärt werden, welchen historischen Ursprung der Name „Alte Rabenstraße 1“ eigentlich hat. Insider unter den Fossilien-Forschern sind sich jedoch sicher, dass der Name eine Huldigung der Geschäftsführung von TEAM/BBDO Hamburg darstellen muss.

Wie auch immer, eine super-schöne Adresse ist es noch immer. Und auf alle Fälle ist bewiesen, wie nachhaltig und prägend sich oben genannte Kernsätze bzw. Central Messages der Marketing-Kommunikation im Kopf des Rezipienten verankern können. Egal, ob sie konstruktiven oder kontra-produktiven Charakters sind.

Heute freue ich mich, selber den einen oder anderen schönen, markanten Satz geprägt haben zu dürfen.

Michel samt Elphi. Neues von der gehobenen Mittelschicht.

Sorry, auf dem Weg zu unserer Abendessen-Einladung schweifte ich ein wenig ab. Nach der Alten Rabenstraße jetzt nur noch zweimal links, einmal rechts, schon sind wir da. In der Fontenay-Allee. Wir klingeln. Unsere Gastgeber sind gut drauf. Der Tisch noch besser gedeckt. Wir werden mit allerlei Meeresfrüchten verwöhnt. Dazu, wie gewohnt, eine vorzügliche Weinauswahl.

Doch das Allerbeste: unsere Gesprächsrunde, die sich alsbald auf das Thema Freundschaft fokussiert. Jenem wunderbaren Umstand, der im Lauf der Jahre immer wertvoller wird. Auch wenn er manchmal leider immer schwieriger aufrechtzuerhalten ist.

Da beweist es sich doch also um so erfreulicher, wenn man nach all den Jahren auf unkaputbare Freundschaften zurückblicken kann, von denen manche sogar noch aus Kindergartenzeiten herrühren. Zum Beispiel die, zu der dieses Bild entstand:

Vor drei, vier Jahren flog ich, wie üblich zu Weinachten, in meine Heimat ins schöne Sindelfingen. Neben meinen Eltern treffe ich dort natürlich auch viele Jugendfreunde, von denen mir manche ganz besonders ans Herz gewachsen sind. Folgendes trug sich zu. Nach einem lustigem Abend in der gastronomischen Sindelfinger Kultur-Szene und leider viel zu früh erfolgtem Zapfenstreich fühlten sich Freund Gerd, Grafi, Walter und ich noch motiviert, irgendwo auf einen privaten Absacker einzukehren.

Am nächsten war da Walters Wohnung. Obendrein um so sentimentaler, weil sie in dem Haus ist, in dem einst Freund Grafi wohnte, als wir uns damals mit 16 kennenlernten. Also gesagt, getan, alle Mann zu Walter. Grafi – ganz untypisch – schwächelte auf den letzten Metern allerdings ein wenig und klinkte sich vorher aus. So verblieben wir zu dritt und freuen uns, dass Walter so ein vorausschauender, spontaner Gastgeber ist, der auch noch das eine oder andere Bier im Kühlschrank hat.

Zur musikalischen Untermalung hören wir Dark Side of the Moon. Auf Vinyl, versteht sich. Gerd läuft kommunikativ mal wieder zu Höchstform auf – eine coole Story toppt die nächste. Bis Pink Floyd‘s sphärische Klänge plötzlich von einem vollkommen ungewohnten

„Chrrr-chrrr-chrrr…“ begleitet werden. Der Zeiger ging zwischenzeitlich gen fünf, und Freund Walter ward auf dem Sofa eingenickert. Gerd und ich waren thematisch inzwischen in unserer aufregenden Gymnasialzeit, der schönen Sylvia, bezaubernden Jutta und wunderbaren Alex angekommen. Rein stilistisch passte da Walters Schnarchen so gar nicht. Also schlug ich Gerd vor:

Komm‘, nimm‘ ihn du an den Beinen, ich nehm‘ ihn oben – und dann tragen wir Walter einfach ins Bett!“ Grundsätzlich wäre das ein guter Plan gewesen, um sich entspannt weiter zu unterhalten. Wenn nicht Gerd kraft der Genialität Schwäbischer Straßenbau-Diplom-Ingenieure eine viel bessere Idee gehabt hätte… „Ach, was…“, meinte Gerd und überzeugt mit einer deutlich simpleren Lösung: „… mir machet einfach d’Musik lauder!

So geschah es dann auch. Gerd erhebt sich, geht rüber zum Plattenspieler, dreht lauter, um Walters sägende Akkorde zu neutralisieren. The Great Gig in the Sky klang jetzt noch greater – und Walter schlummerte glücklich weiter.

Auf dem Weg wieder zurück, hebt Gerd ein DIN A3-Zeichenkarton auf, der Walter kurz vor dem Entschlummern auf den Boden gefallen sein muss. Wieder einmal stellen wir fest, dass Walter von uns allen definitiv die meisten Talente hat.

Walter spielt nicht nur perfekt Schlagzeug, Gitarre, Klavier samt diverser anderer Instrumente – wie Säge zum Beispiel. Walter singt auch. Mindestens so cool wie Tom Waits. Und das perfekt auf englisch, spanisch, schwäbisch. Dann kann er auch noch malen. Wie dieses wunderbare Werk beweist. Ein Portrait von Gerd und mir, mal eben so, ohne dass wir‘s überhaupt bemerkt haben, aufs Papier gezaubert.

Zur Bestätigung der physiognomischen Analogie hätte ich diesem Artikel gerne noch eine Foto-Dokument von Gerd und mir aktuellerem Datums beigesteuert. Alle meine Recherchen blieben leider vergebens. Dafür sehen wir uns einfach nicht oft genug. Und die Freude über unser Wiedersehen überwiegt einfach jeglichem Begehr am schnellen Handy-Foto. Dafür tauchte bei der Reise durch mein Foto-Archiv ein Relikt ganz besonderer Güte auf, dass nicht den geringsten Zweifel an Walters vorzüglichen trefflichen Portraitkünsten offen lassen sollte:

Gerd: ganz rechts, dritter von oben mit stylischen Hosenträger. Ich: hinterste Reihe, dritter von rechts im flottem Strickjäckchen.

Merke: Im Kindergarten ist jeder Künstler. Die Kunst ist, es bis Ü50 zu bleiben.

 

Sam Lazay

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