Es gibt noch mehr was mit „Co“ anfängt und mit „a“ aufhört: Colibriasthma, Cocooningaura, Coalakamasutra…  Oder „Compañeramama“ zum Beispiel. Ich gebe zu, der telefonische Draht zu meinen Eltern hat sich – Corona sei Dank – deutlich verstärkt. Sehr zur Freude aller Beteiligten. Papa freut sich. Mama gleich sehr. Und ich mich um so mehr. Beim heutigen Telefonat darf ich vom frühlingshaften Stand meiner raumübergreifenden Balkonbegrünungen in Hamburg berichten. Mama im fernen Sindelfingen kontert mit blumigen Gärterinnen-News aus meinem Geburtsort.

Klar, prächtige Gartenoasen im Ländle machen natürlich mehr her als ein begrünter Balkon mitten in der Metropolencity. Dafür ist am Ostermontag auf meinem Balkon ein Flugosterhase gelandet, der auf den schönen Namen Ikarus hört. „Na, was sagst du dazu, Mama?“ Ich höre Mama durchs Telefon schmunzeln. Weiter erfahre ich, dass es bei meinen Eltern heute zu Mittag Wild-Gulasch mit Spätzle gab. Das hat gesessen. Ich verspüre, wie sich meine Geschmackssensoren regen und sich allerlei Stimulus im Genusshirn breit macht. Mama und Spätzle.

Zwei Worte voller Impact-Effekt und Force of Attraction vom Feinsten. Ob schon mal ein kluger Marketing-Stratege auf die Idee kam, aus Mama und Spätzle eine Trademark samt coolem Branding zu schaffen. „Mama Spätzle“ wäre die Marke, um die sich alle reißen würden. Gerade in Zeiten von Corona. „Mama Spätzle“ wäre das Produkt des Aufschwungs. Das Synonym des Wirtschaftswunders 2.0. Mit diesen Zeilen melde ich also schon mal weltweite Geschmacksmuster für „Mama Spätzle“, „Spätzle Mama“ in allen Variationen, Schreibweisen, Abkürzungen und Sonderformen an.

Zugegeben, mit meiner Mama habe ich das Glück, ein besonders cooles Exemplar erwischt zu haben. Und so pläuschen wir weiter über die aktuelle Lage. Wir schließen nicht aus, dass mit Corona durchaus auch Schindluder getrieben werden könnte. Könnte. Nicht umsonst sind ja bereits diverse James Bond- oder Mission Impossible-Szenarien bekannt, die das Thema Virus in allen erdenklichen Weltvernichtungs-Variationen durchspielen. Allein die Tatsache, dass erst vor ein paar Wochen der aktuelle Bond wegen Corona ko ging und sich nun bond-untypisch bis auf Weiteres in einem verstaubten Filmarchiv verstecken muss, lässt Raum für allerlei Spekulation.

Man ist ja selber kein Virologe, kein Mediziner oder gar Bazillusexperte. Mama nicht. Ich auch nicht. Mama erinnert mich an Rudyard Kiplings: „Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges“. Wir resümieren die Überfall-auf-Polen-Lüge. Die „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“-Lüge. Die Vietnamkrieg-Lüge. Die Irak-Chemiewaffen-Lüge. Die Guantanamo-Lüge. Und und und…

Wir diskutieren Trumps neueste Anschuldigungen gegenüber der Weltgesundheitsorganisation. Und wie man sich fühlen soll, wenn Bill Gates plötzlich einen Corona-Impfstoff aus dem Hut zaubert. Ich erzähle meiner Mutter welche zusätzlichen Inhaltsstoffe katholische Bischöfe und kenianische Ärzte 2014 in einem gemeinsam von Procter & Gable und Unicef lancierten Impfstoff gegen Tetanus fanden. Das kann man gerne mal googeln und sich seine eigene Meinung dazu bilden. Bei Milliarden-Konzernen, getrieben von kapitalistischer Gier und skrupellosem Größenwahn, ist es mit Sicherheit empfehlenswert, deren Marktangebot soweit es geht zu prüfen und kritisch zu hinterfragen.

Und wenn das, wie 2014 in Kenia der Fall, die Katholische Kirche ist, könnte ja durchaus was dran sein, an der Impfstoffanalyse. Zugegeben, als seriöse Quelle ist die Katholische Kirche nicht unbedingt die erste Adresse. Aber zumindest eine halbseriöse. Mama empfahl mir die Arte Dokumentation „Profiteure der Angst. Das Geschäft mit der Schweinegrippe“. Werde ich mir anschauen. Wie ich so auf dem Balkon stehe und mit meiner Mutter telefoniere, sehe ich unten auf der Straße

eine parkende Mercedes-Limousine, in der ein scheinbar lebloser Mensch liegt.

Im ersten Gedanken noch heiter gestimmt, teile ich meiner Mutter mit, dass es dort vermutlich jemanden im Corona-Social-Distance-Stress vor Erschöpfung niedergerafft haben muss. „Da macht man keine Späße“, vernehme ich es mütterlicherseits aus dem Telefon. „Ach was, der wird da ein Nickerchen machen“, erwidere ich. Doch komisch sieht das schon aus, wie er da so liegt.

Mitten am Tag. Bei strahlendem Sonnenschein. In einem Mercedes. Ich stelle fest, dass ich wirklich daran glaube, dass er einfach so eingeschlafen sein muss. Ok. Also komme ich mit Mama wieder auf das ganz große K.o.-Corona-Problem der Welt zurück. Einen wie Helmut Schmidt würde sie sich jetzt wünschen. Und on top noch einen J. F. Kennedy. Ja, da hast du wahrscheinlich Recht. Aber wir leben nun mal in Zeiten von „Wir schaffen das“ und „Wir haben eine ungeheure Kontrolle darüber“.Verdrängen, Ducken, Wegschauen kann weder in Deutschland noch in den USA oder sonst wo auf unserem Planeten das Patentrezept zur Lösung komplexer Probleme sein.

Klar, wenn man in dem ganzen Durcheinander und Widersprüchen keine klare Linie sieht, ist man erstmal verunsichert, kann sich aber nur daran halten, was allgemein und auch nachvollziehbar empfohlen wird: zu Hause bleiben, direkte soziale Kontakte vermeiden, selber nicht zur Virenschleuder mutieren. Und dann liegt da der Typ in seinem Auto und pennt. Vielleicht ist das Auto ja sein Zuhause. Na, ja, wenigstens ein Mercedes. Doch Stay-at-home sieht anders aus.

Oder ist es vielleicht doch ein Notfall? Dann meint meine Mutter, noch immer live am Telefon mit der Winterhuder Diagnostizierung des leblosen Mannes unten auf der Straße konfrontiert: „Jetzt geh‘ halt eben runter! – und schau, was mit dem Mann los ist!“ Besser ist das. Mama hat ja meistens recht. Ich beende das Gespräch. Mit Mama und Papa telefoniere ich ausschließlich über Festnetz. Und das reicht nicht bis runter auf die Straße. Also zieh ich mir Schuhe an, lauf die Treppe runter, trete aus dem Haus.

Ein eigenartiges Gefühl. Ich nähere mich dem Mercedes. Dem Kennzeichen nach zu urteilen, ist er jedenfalls nicht aus Hamburg. Durch das halb offene Fenster auf der Fahrerseite liegt er da, der Fahrer. Au Backe, den Kopf komplett nach hinten abgeknickt, der Mund unvorteilhaft halboffen, sein ganzes Antlitz im vollen Winterhuder Nachmittags-Sonnenlicht erstrahlt, Blut sehe ich keins, die Augen geschlossen. Der Mann muss hinüber sein, so unansehnlich wie er da in seiner Fahrgastzelle liegt.

Doch was mag geschehen sein? – Corona! – geht es mir erneut durch den Kopf. Ist es wirklich schlimmer als gemeinhin angenommen? Müssen wir jetzt alle sterben? Oder war es eine andere Todesursache? Wurde er Opfer eines libanesischen Clankonfliktes? – hat er die Bilanzen eines kolumbianischen Drogenkartells manipuliert? – zeichnete er Karikaturen über den Koran? oder wollte er ganz einfach seine GEZ-Gebühren nicht bezahlen?

Ich trete näher an den Mercedes, mein Schatten verdunkelt das gruselige Antlitz des leblos scheinenden Fahrers. Die Klärung des vermeintlichen Todes jenes Fremden in unserem Viertel wird mir schlagartig vor Augen geführt. Denn durch meinen Schatten und die plötzliche Verdunkelung seiner Sonnenbestrahlung, schlägt der Mann plötzlich die Augen auf, blickt mir kristallklar entgegen, lächelt mich glücklich und zufrieden an… Ich frage: „alles klar?“ Er: „klar, bin nur viel zu früh in Hamburg angekommen, und dachte, ich mach noch ein Nickerchen bevor ich meiner Ex ihren neuen Laptop bringe“.

Das kernige, sympathische Lächeln zeugt von einem wirtschaftlich denkenden, komplett nutzenorientierten, handlungsbestimmten Typen. Ich sage ihm, dass mich meine liebe Frau Mama, mit der ich gerade telefonierte und ihr von dem leblosen Korpus in einem Mercedes erzählte, gebeten hat, doch mal runter zu gehen, um die Lage zu peilen. Der eben noch scheinbar Tote grinst mir entgegen:

Ja, so sind sie, die Mütter: vorausblickend, fürsorglich, immer am komplexen Gemeinwohl interessiert.“ Cooler Typ. Ich kann ihm seine mütterliche Analyse nur bestätigen, freue mich, dass er nicht tot ist, gratuliere ihm zur Wahl seiner Automarke und verabschiede mich von ihm. Auf dem halben Weg zurück zu meiner Wohnung ruft er mir hinterher:

„Danke nochmal – und vergessen Sie nicht, Ihre Mutter von mir zu grüßen!“

 

Sam Lazay

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