Stuttgart. Theaterhaus. Für alle, deren „Marketing-Denglisch“ oder „-Lautmalerisch“ möglicherweise eine kleine Auffrischung bedarf:
USP = Unique Selling Proposition. Sprich: Besonderes Alleinstellungsmerkmal im globalen Markt der Mitbewerber.
Schawumm! = Sound eines zeitgenössischen Paketdienst-Transporters, wenn dessen Seitenschiebetür in Moll und mit viel Schmackes vom Päckchen-Zustell-Virtuosen zugedonnert wird.
UPS! – macht‘s, wenn – sorry! – ein Pakerl des gleichnamigen Paketdiensts auf den Kopp von Nachbars Lumpi fällt.
Weiblicher Intuition sei Dank, entdeckte meine Liebste vor Kurzem ein Kultur-Event, das in der Zeit, während ich mit ihr in Stuttgart weile, uns mit viel Freude, Zuversicht und besonderer Typologie erfüllen sollte. Schau‘ mal, ist das nicht der Typ, mit dem du mal in München in der gleichen WG gewohnt hast? – werde ich von meiner besseren Hälfte gefragt als sie mir die Konzert-Ankündigung zeigt.

Ja, genau! – das isser: der Ringsgwandl, Schorschi. Vom Bild her unverändert. Als wär’s erst gestern gewesen. Ende der 90-er, Anfang der 00-er Jahre in jener herrlichen Münchner WG. Vom Typus kulturschaffender Freigeister auf der Suche nach dem Glück.
Ja, den USP vergess‘ ich nie. Also flugs zwei Tickets gebucht. Und mit Freude dem Tag des großen Auftritts entgegensehen. Als es dann soweit war, waren wir schon etwas früher da, weil wir noch Lust auf einen kleinen Happen hatten. Zu Fuß halten wir Kurs auf das Theaterrestaurant. Und siehe da, wen entdeckt mein Adlerauge schon aus zig Meter Entfernung? Auf der Veranda des Restaurants:
Ringsgwandl himself. An einem Tisch im Kreise einer äußerst sympathischen Runde – die sich wenig später als Ringsgwandls Band herausstellen sollte.
Das ist halt ein Typ. Original von markanter Aura. Gscheid, gradaus samt kreativer Finess vom Feinsten. Als wir uns das erste Mal in München begegneten, ist jetzt weit über zwanzig Jahre her. In den folgenden Jährchen plauschen wir noch ein paarmal am blauen Tisch von Roswithas internationaler Künstler-WG. Wenn wir uns dort zufällig begegneten. So oft war das jedenfalls nicht.
Das letzte Zusammentreffen hatten wir vor etlichen Jahren im Hamburger St. Pauli-Theater, wo ich zusammen mit meiner Lieblingskollegin zu seinem damaligem Programm einkehren durfte. Heut‘ schlender‘ ich mit meiner Lebensgefährtin auf Ringsgwandls Tisch der Theater-Restaurant-Veranda zu. Er scheint mich aber nicht zu erkennen. Direkt vor dem Tisch angekommen stelle ich mich ahnungslos und begrüßte ihn mit einem herzlichen: „Mensch, Georg, was machst DU denn hier?“
Und jetzt wird’s typgemäß spannend! – besonders unter kognitiven Gesichtspunkten. Sofort fährt Ringsgwandls Scanner-Blick hoch. Das analytische Surren des High-Performance-Check-Prozessors in Ringsgwandls Augen – unüberhörbar. Doch – ich würd‘ mal sagen, maximal ein paar Zehntel-Sekunden hat‘s gebraucht – und Ringsgwandl entgegnet mir:
„Ah ja! – der Typ aus Hamburg.“ Im Sinne klassischer Typologie ist das methodisch schon mal eine nicht unrichtige Gruppierungs-Einteilung, die ganz klar Richtung korrekter Typ-Eruierung zielt. Man darf ja nicht vergessen, dass wir in München nie direkt miteinander gearbeitet oder weiterreichende gemeinsame Projekte gehabt haben. Und wir uns hier in Stuttgart auf völlig kontextlosem Terrain befinden.
Damals in München war unser eigentlich einziger gemeinsamer Bezugspunkt unsere wunderbare WG-Intendantin Roswitha.
Ringsgwandl überzeugt auf der Bühne mit des Gurkenkönigs Hausfrauenshow und erfüllt als Gaudibursch vom Hindukusch die Welt mit viel Fortune.
Ich selber engagiere mich als Freelance Creative-Director mit Kommunikations-Kultur für Audi, Hapag Lloyd, Telekom, Pfanni bis Dirty-Harry-Lakritzlikör (insg. über 100 Kunden). Oft mit viel Erfolg. Noch öfter nur für die Schublade.
Kommunikation ist nie am Ende. Aber eben auch nicht immer ein Sonntagsspaziergang. Um so größer ist die Herausforderung, Menschen immer wieder neu für gute Sachen zu begeistern.

Von daher blicken wir gespannt auf das Ringsgwandl Schawumm! – ein Titel, der klingt wie schallend Hall nebst Extra-Wumms. Doch ganz das Gegenteil soll der Fall sein. In der ausverkauften Stuttgarter Theaterhalle genießt es das Publikum, so feinsinnig wie großzügig mit zweieinhalb geschmeidigen Stunden wohlklingend betört und kreativ inspiriert zu werden.

Nachdem sich alle Band-Mitglieder unter tosendem Applaus auf der Bühne eingefunden haben, überzeugt Ringsgwandl mit einer beeindruckend akrobatischen Verneigung.

Ein Move, der der Generation Smartphone-Bückling und Yoga-Youngster signalisiert, dass es überhaupt kein Thema ist, mit Ü-50 super-fit, elastisch und sexy zu sein. Ringsgwandels antizipierte Dankzollung dem Publikum gegenüber erhöht den Beifall um so mehr.
Ringsgwandl‘s USP sollte hiermit klar definiert sein: musikalische Entspannung der Extraklasse kokettiert mit coolem Wortwitz wider dem Wahnwitz des aktuellen Zeitgeschehens.
Hier und da gespickt mit feinen Noten melodischer Melancholie. Im hippen Daily-Wokeness-Stress des ganz normalen Lifestyle-Pressures.
Inklusive empathischer Spontan-Rhetorik von der Bühne ins Publikum. Als dort unüberhörbar ein Handy klingelt unterbricht Ringsgwandl kurz seine Performance und entgegnet dem Angerufenen: „Gengas ruig no. Aba schbrechans meglichst laoud! Des is bschtimmt a suppa wichtiaga Oruaf, der uns oi interessian duat“. Selber nutze ich die Gelegenheit, meiner wunderbaren Partnerin einen der Situation angemessenen, längeren Kuss auf ihre famosen, wunderschönen Lippen zu geben.

In der Konzertpause braucht Ringsgwandl weder Feng Shui-Fachkräfte noch Shiatsu Massage-Experten.

Sondern nur einen homöopathischen Filzi. Mit dem signiert er seine CDs. Damit Lebensfreudige, wie wir, uns auch nach dem Konzert bestätigen lassen dürfen, dass das Land der Dichter und Denker noch nicht ganz auf Land der Döner und Dösbaddel umgeschult hat.

Herrlich, auch nach der Pause den herzerfrischenden Impulsen eines promovierten Rhetorik-Akrobaten zu lauschen. Wenn Ringsgwandls geniale Absurdität den kleinbürgerlichen Ernst des Seins herausfordert, macht das deutlich was wirklich wichtig ist im Leben: Liebe, Leidenschaft und kluge, kreative Köpfe.
Mein persönliches Highlight des Abends war neben ganz, ganz vielen Schmankerln, Ringsgwandls historische Reflexion und semantische Analyse seines Gitarrengurtes, der das ganze Konzert über lose vom Gitarrenhals baumelt.
Ringsgwandls Diagnose – allumfassend global, wie entgegen aller Wahrscheinlichkeit, alles in Betracht ziehend: So ist die anzunehmende Möglichkeit, dass wohl schon Tutanchamun jenen Gitarrengurt als haltungsstabiles Accessoire um seine altägyptischen Pharaonenlenden getragen haben muss, nicht gänzlich auszuschließen. Ringsgwandls Rezension dazu ist hier nicht im Wortlaut wiedergegeben. Das kann er viel trefflicher.
Wir dürfen uns ganz sicher sein: nach soviel archäologischer Vorarbeit wird Ringsgwandl die Welt mit noch sehr, sehr viel Neuem, Emotionalen und epochal Erkenntnisreichen erfreuen.
Vielen Dank, Georg, Daniel, Christian und Tommy. Ihr habt uns einen großartigen Abend beschert!
Mit euch würd‘ ich gern in einer WG leben. Mein Vorschlag: ihr übernehmt die Musik. Und ich die Küche.
Sam Lazay
lebalcony – coole Typen und Stories aus Winterhude bis darüber hinaus
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