München. Einsteinstraße 42. Zusammen mit meiner Partnerin fahre ich nach dem Business-Lunch an jener einst schillernden, mir bestens bekannten Adresse vorbei. Natürlich wissen wir um das Schicksal der Akademie, die jahrzehntelang Design-Geschichte und viele wunderbare Karriere-Geschichten schrieb.

Eine Wirkungsstätte, die Studenten, Dozenten und anderen Komponenten immer wieder zu neuem Denken antrieb. Kommunikation darf ja nicht nur als Professional-Polit-Propaganda, Social-Society-Smalltalk oder Werbe-Doppel-Wumms gesehen werden. Sondern als ehrliche, tägliche Chance, unsere Welt besser, liebenswerter und kulturell schöner zu gestalten. Samt aller Zwischentöne, die sich innerhalb des weiten Spektrums der Visuellen Kommunikation realisieren lassen.

 

Aus sentimentalen Gründen halten wir also an. Wir parken direkt vor der Einsteinstraße 42. Es bietet sich überraschend viel Raum, hier selbst einen Cadillac Eldorado ganz easy abzustellen. Deutlich emotionalisiert steigen wir aus. Neugierig, was wohl aus den mehrstöckigen, knapp zweitausend akademischen Quadratmetern mitten in der Münchner City geworden ist?

 

Ja, es ist ein mulmiges Gefühl. In meinem Kopf läuft noch einmal der Film ab, wie ich 1999 den Präsidenten der Akademie über einen meiner damaligen Münchner Kunden kennenlernte, für die ich jahrelang als Full Service Creative Director aktiv war. In Rückblende darauf war es eines meiner Projekte für einen Investment-Fonds – Schwerpunkt innovative Recycling-Startups – eine schlüssige, imagefördernde Verbindung neuer High-Tech-Technologien zu antiquarischen, spanischen Plastiktüten, die der Akademie-Präsident damals bemalte, herzustellen.

Zugegeben, eine Herausforderung der nicht alltäglichen Art. Daher um so spannender. Nach komplexer Eruierung verschiedenster Umsetzungs-Möglichkeiten, empfahl ich letztendlich eine konventionelle Option. Allerdings mit besonderer Note: einen hochwertigen Verkaufskatalog für die speziellen Recycling-Meisterwerke des Künstlers im Fokus herausragender Recycling-Investments des Fonds. Teilweise ebenfalls gedruckt auf original spanischen Plastiktüten! Mein Hamburger-Kreativ-Team entwarf und designte. Meine Münchner-Lieblings-Druckerei produzierte und realisierte. Vom resultierenden, großen Ahhh- und Ohhh-Effekt hatte anschließend jeder was davon: Mein Kunde verkaufte Aktien durch den Künstler. Der Künstler verkaufte Bilder durch meinen Kunden. Kollegen und Zulieferer freuten sich, mit Kunde, Künstler und mir mustergültige PR geschaffen zu haben.

 

Zusätzlich fühlte Max Condula, jener nebenberufliche Plastiktüten-Veredler und hauptberuflicher Akademie-Präsident sich inspiriert, mich neben meinem Agentur-Job als Dozenten für seine Akademie zu gewinnen. Was ich mir damals nie hätte vorstellen können. Doch Max Condula, der geniale und charismatische Akademie-Gründer ließ nicht locker und bewies sich als gnadenloser Münchner Wadenbeißer, bis er mir ein erstes Test-Semester schmackhaft machen konnte.

 

Und… was soll ich sagen, es hat Spaß gemacht. Riesenspaß sogar! Den Studenten, der Akademie und letztendlich auch mir. So wuchs Semester für Semester mein Engagement für die Akademie. In kollegialer, kreativer Eintracht buchte mich Max Condula immer wieder aufs Neue. In München hatte ich mein Zimmer in der coolsten Künstler-WG der Welt. In Hamburg lebte und arbeitete ich weiterhin, wenn es der Münchner Akademie-Terminplan zuließ. Bis zu dem Zeitpunkt als es zum Wechsel in der Akademie-Leitung kam. Und – aus welchen Gründen auch immer – der übernimmt, der an der Akademie schon immer mein größter heimlicher Widersacher war. Da scheint es zwangsläufig nur folgerichtig, dass mich der neue Akademie-Chef konsequenterweise einfach nicht mehr buchte.

 

So endet meine zehnjährige Münchner Dozentenlaufbahn an der Akademie an der Einsteinstraße. Kurz: U5. Was nun? Zwei Jahre nach einer zweiten suboptimalen Präsidentschaftsamt-Übernahme ist die Akademie tot. Das Gebäude samt seines Umfeldes stimmt einen melancholisch. Und Gott sei Dank, auch wieder heiter. Denkt man an all die beflügelten, hoch motivierten Studenten, die einst den Innenhof bevölkerten – und die Welt mit herausragender Visueller Kommunikation bereicherten.

 

Heute ist hier alles einsam und verlassen. Die Treppe zum Haupteingang verwaist. Die Tür verschlossen. Das Ambiente von schlechten Graffities und einer verrotteten Aura geprägt. Es ist die bittere Ironie der Wirklichkeit: die Münchner Akademie an der Einsteinstraße scheitert ausgerechnet an dem, was sie ursprünglich groß und einzigartig gemacht hat. „Unsere Studenten sollen Wirklichkeit studieren“, hieß die verheißungsvolle Maxime der „erfolgreichsten privaten Kommunikationsakademie Deutschlands“. Zitat: Ludwig Spaenle, Bayerischer Staatsminister für Unterricht und Kultus am 17. November 2009. Anlässlich der Überreichung des Bundesverdienstkreuzes am Bande an Max Condula. Bis die Wirklichkeit ihre trübe Suppen-Facette, bzw. ernüchternde Seite zeigte. Runtergewirtschaftet von zwei aufeinander folgenden Reklame-Hausmannskost-Verwaltern. Erst ein Tütensuppen-Erbsenzähler. Dann ein Brillenlinsen-Selbstdarsteller. Wesensarten, die mangels Format mit dem Präsidium einer richtungsweisenden Design-Akademie leider hilflos überfordert waren.

 

Trotzdem denke ich ausgesprochen gerne an meine Zeit an der Akademie an der Einsteinstraße zurück. Kommunikation ist eben ein endloser Prozess ständig neuer Erkenntnisse. Sehenden Auges stelle ich das immer wieder fest. Sei es im Tagesgeschäft, der Politik oder dem Rhythmus der Zeit. Vor allem, wenn es mir durch den Kopf geht, dass die eine oder andere Herausforderung doch ein feines Forschungsprojekt bzw. eine interessante Semesteraufgabe im Sinne der Visuellen Kommunikation wäre.

Daher: Danke an Max Condula, der mich mit seinem kommunikativen Esprit begeisterte – und den ich hoffentlich bald mal wiedersehe.

Ohne Kopf kann selbst der fitteste Body nicht laufen.

Danke auch an Albert Einstein – als Namensgeber jener akademischen, internationalen Verkehrsverbindung. Danke ebenso an Friedrich Schiller – der mich zu jener schillernden Headline dieses Artikels inspirierte. Danke an Prof. Uwe Loesch, Prof. Gerhard Meussen, Prof. Winfried Hagenberg, Prof. Horst Seiffert, bei denen ich selber an der FH Düsseldorf Visuelle Kommunikation studieren durfte. Danke an Springer & Jacoby sowie Scholz & Friends – für meine ersten, sechs Hamburger Jahre fest angestellter Agenturerfahrung. Danke an alle meine Kunden, die anschließend an meinen folgenden, selbstständigen Agentur-Service-Jahren und meinem Glück der Kommunikations-Berufung partizipieren konnten.

 

Und ganz besonders vielen Dank für die lehrreichen, von der Muse geküssten Jahre, in denen ich Studenten der Münchner Akademie an der Einsteinstraße coachen durfte. Und aus denen heute gute Kollegen – und sogar noch bessere Freunde geworden sind.

 

Sam Lazay

 

lebalcony – coole Typen und Erkenntnisse aus Hamburg Winterhude bis über die Münchner Einsteinstraße hinaus

 

Entspannte Fußnoten zu Am Ende

Ein hübsches Nichts, das Sie da beinahe anhaben

Turin. Aus der Champions-League des Genießens und Treibenlassens

Kuhnswegbunker-Abriss – die 17-te. Kamera läuft!