Charmant, volksnah, pünktlich, leistungsorientiert. Dann sieht er auch noch gut aus. Und spricht nicht mal sächsisch.
Brutal! – das geht natürlich gar nicht. Gut, den Spiegel vorgehalten zu bekommen – und zu erkennen: der Mann kann nur die personifizierte Heimtücke, Ausgeburt des Sündenfalls, Inbegriff der Hinterlist, das Grauen aller Schwiegermütter sein.

Kurz: „der gefährlichste Mann Deutschlands“ – wie es der Spiegel mit seiner Titelstory vom 14.08.2026 über Ulrich Siegmund, einer der Spitzenkandidaten der morgigen Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, aufgedeckt zu haben meint.
Womöglich trägt er auf dem Volksfest Niedertracht? Spielt mit Putin Shooter Games nach acht? Höchst gespannt, begierig auf die nackte Wahrheit musste ich besagten Spiegel-Artikel gleich mehrmals lesen. Wobei ich mir permanent die Frage stellte, hab‘ ich da irgendwas übersehen: die große Enthüllung, den aufgedeckten Skandal… Doch – ich erfahre nix! Außer der reißerischen Schlagzeile lese ich nur belanglosen Tüddelkram. Nehme Notiz von banalen Hypothesen anonymer Quellen samt suggestiver Bagatellen, die finsteren Argwohn unterstellen.
Marketing-Profis wissen: haben Lutschpastillen, Produkte, Parteien keine erkennbaren Vorteile, Nutzen bzw. verkaufsfördernde Alleinstellungsmerkmale, dann muss eben die Kreativ-Abteilung ran! Und einfach was erfinden.
Oder die Konkurrenz schlecht machen. Oder beides. Am besten gleich im Superlativ. Die berühmtesten Werbe-Sprüche stehen dafür Pate: „Die zarteste Versuchung seit es Schokolade gibt“ (Milka). „Das Beste oder nichts“ (Mercedes-Benz). „Die smarteste Praline der Welt“ (Duplo). „Sind sie zu stark, bist du zu schwach“ (Fisherman’s Friend-Pastillen).
Beim Spiegel, Deutschlands ehemaligem Musterknaben des Journalismus wusste man ab 1966: „Spiegel-Leser wissen mehr.“ Seit 2015 haben Spiegel-Leser „Keine Angst vor der Wahrheit“. Und heute, 2026 hat der Spiegel als einst autonomes Nachrichten-Magazin auch keine Angst mehr vor opportunem Tun. Um mit auflageförderndem Denunziantentum zu punkten.
Superlative gehen in der Werbung immer. Und manchmal auch nach hinten los. Daher: alles was morgen über den 42 Prozent liegt, denen sich momentan der gefährlichste Mann Deutschlands sicher ist, spiegelt sich daher maßgeblich in jenem unbedachten Spiegel-Artikel wider. Ich hätt‘ das nicht gemacht.
Klar, nach über dreißig Jahren in der Kommunikations-Branche darf ich eben nicht nur auf professionelle Erfahrungen zurückblicken, sondern mir bei aller kreativer Begeisterungsfähigkeit, auch feiner, sensibler Sensoren gewiss sein, die solch einen kommunikativen Schuss in den medialen Ofen verhindert hätte.
Der Kunde, in diesem Fall der Wähler, glaubt eben nicht jeden Scheiß. Weiß doch schon seit 2002 jeder Media-Markt-Konsument: „Ich bin doch nicht blöd!“
Meine Prognose für morgen: Siegmund hat durch den Spiegel mindestens nochmal drei Prozentpunkte dazugewonnen. Und geht als klarer Sieger der Wahl hervor. Ja, der Spiegel hatte schon mal bessere Kommunikationsberater.
Sam Lazay
lebalcony – coole Typen und Stories aus Winterhude bis über die Achse des Bösen hinaus
Mehr Erkenntnisse aus der weiten Welt des Marketings:
Grün muss nicht nur für leistungsschwach stehen. Um so mehr fahr‘ ich am Sonntag gern zur Wahl.
Mach’s wie der Hirsch. Geh’ in Park! – gönn’ dir dein Digital-Timeout.

Schätze, Briefing und Motiv der Spiegelstory-Titelstory war, dem Kandidaten maximal zu schaden, bzw. komplett ihn zu verhindern. Ich glaub‘ aber auch, dass das ein kommunikatives Eigentor war.
Ruben, Kommunikation ist, glaube ich, das große Problem. Wenn offensichtlich falsch, unreflektiert, ohne konkrete Problemlösungen kommuniziert wird, und man einzig und allein nur auf den politischen Gegner einprügelt, wirkt das als ob man Steuerzahler, Bürger und Leser einfach nur für potentiell blöd hält. Das Eigentor ist daher mehr als verdient. Wir dürfen also gespannt sein, ob noch weitere folgen. Als Coach wüsste ich diverse Kandidaten, die erstmal ausgetauscht werden müssen. Kanzler Merz zu allererst.
Amüsant, cool und vor allem neutral, deine Story. I like!
Nina, vielen Dank! Coole Typen und Stories stehen schließlich für das Programm von lebalcony.
Bei dem Mist, den unsere Regierungsparteien fabrizieren erhöhe ich die Prognose von plus 3 Prozent auf mindestens plus 5 Prozent.
Carola, wobei die Brücke geschlagen wäre, um so gespannter auf die kommenden Wahlergebnisse zu schauen. Wobei der fabrizierte Mist etablierter Parteien auch bester Dünger für neue, rosige Ergebnis-Ernten sein könnte.
Ja, ja der SPIEGEL …sagen was ist…lang, lang ist‘s her…
Stimme dir komplett zu. Lang, lang ist es her mit sagen, was ist. Montag ist Spiegel-Tag. Montag war immer! Spiegel-Tag. Ich habe einen Freund, der hat sich vor langen… Jahren jeden Montag erstmal für ein paar Stunden in seinem Berliner Büro eingeschlossen und den Spiegel gelesen und war für nichts und niemanden zu sprechen
Inés,da gab es bestimmt einige, die den Spiegel-Tag geliebt und geradezu zelebriert haben. Und sich ganz sicher waren: das ist unabhängiger Journalismus vom Feinsten: kritisch, investigativ, immer absolut authentisch. Gut, provokativ geschrieben sowieso. So eine plumpe, wie rein panik-fixierte Titel-Story zieht das Image und die Glaubwürdigkeit des Spiegels natürlich massiv runter. So was war in meiner Studentenzeit düsterstes Bild-Zeitungs-Niveau. Wohingegen die Bild ja gerade den umgekehrten Kurs fährt. Und sich heute vom Boulevard-Blatt zum richtungsweisenden Print-Medium wandelt. Harald Martenstein sei Dank. Wegen seines Abgangs bei der Zeit und Wechsels zu Bild, habe ich nach dreißig gut gelaunten Jahren mein Zeit-Abo gekündigt. Auch wenn ich deswegen kein Bild-Abonnent wurde. Und „Mail von Martenstein“ nur online lese.
Bettina, wenn das einstige journalistische Sturmgeschütz der Demokratie zum ideologischen Trittbrettfahrer der medialen Gleichschaltung mutiert, spiegelt das wider, wie wichtig es ist, seinen eigenen Beitrag zum politischen Geschehen zu leisten. Daher, vielen Dank für deinen Kommentar samt historischer Spiegel-Rückbesinnung.
I couldn‘t have said it better!
Schorschi, when you’re right, you’re right!
Es gibt nun mal Aufgaben, die gelöst werden müssen: Wirtschaft, Gesundheit, Sicherheit, Bildung, Kultur. Wer dazu keine eigenen Lösungsansätze – oder die Probleme aus schierer Bequemlichkeit einfach nicht sehen will – kann doch nicht alle Energie damit verpulvern, das einzige Ziel ihres Daily Business darin zu sehen, einzig und allein gegen den politischen Gegner zu schießen, um ihn schlichtweg zu zerstören. Das macht die Lage in Deutschland garantiert nicht besser. Daher: go for Siegmund!
Lilli, „Die Minderheit ist nicht der Feind der Mehrheit“, mahnt unser Noch-Kanzler auf gestriger Pressekonferenz zu den 44 % des Wahlgewinners. Sich vom politischen Gewicht her zu halbieren kann bei den Wählern allerdings auch schnell als krankhafte Magersucht wahrgenommen werden. Siegmund macht da inhaltlich, rechnerisch wie argumentativ natürlich eine deutlich gesündere Figur.
Sehr, sehr viele in unserem Land haben deutlich mehr Angst vor freilaufenden Terroristen, Attentätern, Vergewaltigern, Messerstechern und der bunten Palette religionsfanatischer Fachkräfte.
Rudi, bei neutraler Betrachtungsweise der letzten zehn Jahre könnte man diesen Eindruck ganz sicher erlangen.
Ich denke in einer Demokratie kann es passieren, dass sich das Volk nicht so entscheidet, wie von aktueller Staatsgewalt gewünscht.
Philipp, das denke ich ebenso. Und mit uns bestimmt auch Millionen anderer Freunde der Demokratie.
Wenn das einzige kommunikative Argument der Altparteien ist, die Opposition unermüdlich mit dem gesamten Vokabular des Bösen zu überschüttet, dann muss das nicht unbedingt gut gehen. Es soll ja Leute geben, die selbstständig denken und 1 + 1 zusammenzählen können.
Ben, Ritus und wohl wichtigster Kultus der Kommunikation ist, dass man etwas nur oft genug wiederholen muss, dann glauben es einem die Leute irgendwann. In der Medien-Wissenschaft spricht man hier vom Illusory Truth Effect (Wahrheits-Illusions-Effekt). Auch wenn die Zahlen neu zertifizierter Deutscher, die weder Deutsch sprechen, noch lesen und schreiben können millionenhaft wächst. Aktuellen Studien zu Folge verfügen in Deutschland satte 40 % aller 15-Jährigen nur über eingeschränkte Lese- und Rechen-Fähigkeiten. Im Land der Dichter und Denker darf daher konstatiert werden: nix gut – verstehsu!
Möglw. ist Uli ein Enkel von Idi Amin.
Oder Enkel*in.